Hypochondrie – die psychologische Online-Beratung
Hypochondrie ist eine eingebildete Krankheit
Mit weit geöffneten Augen – weit geöffnet vor Angst, Angst vor dem was kommt, Angst
vor dem Tod – so stellt der Künstler Honoré Daumier seinen eingebildeten Kranken
dar. Das Kunstwerk bebildert das Seelenleben eines Depressiven – erkennbar an der
Schlaffheit des Gesichtes – der anscheinend im Begriff ist, an einer Krankheit zu sterben,
die nur in seiner Einbildung existiert.
Der Hypochonder – so seine medizinische
Bezeichnung – ist wohl von allen Patienten der am meisten unverstandene.
Eingebildete Kranke hat es schon immer gegeben und immer schon haben sie Ärzte und
Angehörige mit ihren Symptomen zur Verzweiflung gebracht.

Liebe Besucherinnen, liebe Besucher!
Informationsseiten zum Thema Psychosomatik wären
natürlich unvollständig, ohne eine ausführliche Beschreibung dieses Patiententyps, der das
Kunststück fertig bringt, krank zu sein, obwohl er gesund ist!
Der Ausdruck
Hypochondrie ist uralt. Übersetzt heißt das Wort: unter dem Knorpel. Antike Ärzte meinten
damit einen vermeintlichen Krankheitsprozess, der seinen Sitz unter den knorpeligen Rippenbögen
hatte, also im Bauchraum. Diese Vorstellung rührte von der Tatsache her, dass depressive
Hypochonder häufig unter unerklärlich-schmerzhaften Leibempfindungen litten, die sie in
Todesangst versetzten.
Wechselspiel von Gefühl und Vernunft
Wenn man hypochondrische Zeitgenossen näher kennt, kommt man zu der Auffassung, dass
Ängstlichkeit und Krankheitsfurcht die Basis ihrer Leiden sind. Obwohl dies natürlich
zutrifft, ist es nur die eine Seite der Münze. Die andere Seite ist ihr zwanghaft entwickeltes
Kausalitätsbedürfnis, das die Frage nach dem Warum stellt.
Unerklärliche Körperstörungen
oder beängstigende Krankheitssymptome veranlassen den Verstand nach deren Ursache zu suchen –
um anschließend das Übel aus der Welt schaffen zu können.
Findet der Denkapparat
keine plausible Erklärung für die Existenz der hypochondrischen Symptome und versagen die
diagnostischen Möglichkeiten der Ärzte, befällt Angst den Leidenden. Diese Angst – sie hat
ihren Ausgang im limbischen System des Gehirns –, zwingt nun die grauen Zellen im Neokortex
erneut, sich Gedanken über die beängstigende Situation zu machen…
Endlose Grübeleien und
Zwangsgedanken können sich einstellen und das Wechselspiel zwischen limbischen System und
Neokortex immer weiter treiben. Der Effekt ist ein ständiges Aufschaukeln von Angst und
Unsicherheit. Diese zwingen Leidende sich immer weiter mit ihren Körperstörungen zu
beschäftigen und zur Konsultation neuer Ärzte und Spezialisten…
Die Gedankenwelt
des Mittelalters war geprägt von religiöser Fixierung und Hexenwahn. Irrationales Fühlen und
Erleben konnten auf diesem Boden üppig ins Kraut schießen. Unerklärliche und beängstigende
Körperstörungen verdichteten sich daher leicht in der Vorstellung Leidender zu wahnhaften
Ideengebilden über Siechtum und Tod.
Die hervorstechendsten körperlichen Symptome dieser
geschichtlichen Hypochonder waren nervöse Störungen im Epigastrium, die man heutzutage als
funktionelle Oberbauchsyndrome bezeichnen würde oder vulgo als Bauchweh.
Die große
seelische Belastung – erwachsen aus der Gewissheit – an einer schweren und unheilbaren
Krankheit zu leiden, kann zu einer Überforderung des Nervensystems führen und zu einer
Erschöpfung vegetativer Kapazitäten.
Die Folge ist manchmal eine maligne Depression,
die eventuell in einen Suizid mündet, um das drohende Ende vorwegzunehmen oder die, in einer
Art selbst erfüllender Prophezeiung, zu einer schweren körperlichen Erkrankung führt – ebenso
mit der Möglichkeit eines letalen Ausgangs.
Der Voodoo-Zauber den heute noch manche
Stammesgesellschaften praktizieren, funktioniert im Prinzip ähnlich. Als Bestrafung für eine
schwere Verfehlung spricht der Schamane des Stammes ein Todesurteil über einen Delinquenten.
Die zeitgleich erfolgte Ausstoßung aus seiner sozialen Gruppe und die Gewissheit des sicheren
Todes, überfordern Seele und Geist des Bestraften. Die überwältigende Stresssituation – als
Reaktion auf den nahenden Tod – lässt nach einiger Zeit tatsächlich die Organfunktionen des
Bedauernswerten zusammenbrechen.
Moderne Formen der Hypochondrie
Schwere hypochondrische Depressionen, wie sie im Mittelalter offensichtlich gang und gäbe waren,
kommen heutzutage, zumindest in der westlichen Welt, seltener vor – aber die einfachen
Hypochonder sind so zahlreich wie eh und je.
Man schätzt, dass etwa 50% aller
Patienten die einen Allgemeinarzt aufsuchen, mit Beschwerden behaftet sind, für die kein
krankmachendes Substrat gefunden werden kann; d.h. bei ihnen liegt keine organische Erkrankung
vor. Sind diese Leidenden nun allesamt Hypochonder oder Simulanten? Mitnichten!
Viele
dieser Hilfesuchenden leiden an psychosomatischen Schmerzzuständen oder an funktionellen
vegetativen Störungen. Sehr häufig verbirgt sich hinter ihren Beschwerden auch eine versteckte
Depression, die – wenn nicht entdeckt und behandelt – die Symptome immer weiter fortbestehen
lässt.
Hypochondrische Naturen hat man immer dann vor sich, wenn ausgeprägte Krankheitsängste auch dann nicht verschwinden, wenn zahlreiche und ausgedehnte Untersuchungen keine krankhaften Befunde erbringen.
Oft sind die Beschwerden funktioneller Natur und nicht so gravierend, aber die Tatsache, dass da etwas ist, das eigentlich nicht da sein dürfte, kann starke Furcht in den Betroffenen auslösen und sie zwingen – immer aufs Neue – kostspielige Untersuchungen zu veranlassen. Der Volkswirtschaft entstehen durch diese Praktiken immense Schäden – helfen aber tun sie den modernen Hypochondern nicht wirklich. Im Gegenteil: Die vielen Untersuchungen und Konsultationen verstärken unbewusst noch die Vorstellung, wirklich krank zu sein oder an einer schweren körperlichen Störung zu leiden, auf die die moderne Medizin keine Antwort hat. Unbedachte oder missverständliche Äußerungen eines genervten Arztes können die Krankheitsbereitschaft dieser sensiblen Individuen sehr stark fördern (iatrogene Krankheiten).
Neuraler Filtermechanismus
Im Wachzustand nimmt das Sensorium von Mensch und Tier – in jeder Sekunde –
unzähliche Informationseinheiten auf, die zur Verarbeitung an das Gehirn
weitergeleitet werden. Dort erfolgt ein Sortieren nach einer Prioritätsliste
und dann entscheidet es sich, ob eine entsprechende Information ins Bewusstsein
rückt oder nicht.
Als Reaktion kann dann eine Handlung stattfinden, eine
emotionale Resonanz erfolgen oder ein Gedankenprozess in Gang kommen oder z. B.
auch ein physischer Schmerz verspürt werden. Ist die Eingangsenergie zu gering
oder trifft das Gehirn die Entscheidung, dass der Reiz irrelevant für das
Individuum ist, bleibt er in einem neuronalen Filternetz hängen und erreicht
nicht das Bewusstsein, d.h. wir merken und verspüren nichts von ihm.
Dieser Filter ist etwas sehr segensreiches, bewahrt er doch unser Gehirn davor,
unwichtigen Datenmüll bearbeiten zu müssen. Sein Funktionsmodus ist aber nicht fest
einprogrammiert, sondern dynamisch verstellbar – je nach Befindlichkeit und Bedarf.
Stellen Sie sich bitte einmal einen Soldaten vor, der nachts, hinter den feindlichen
Linien, einen Erkundungsauftrag zu erfüllen hat: Er wird mehr hören, sehen und
fühlen, als zu jedem anderen Zeitpunkt seiner Existenz. Die hoch aufgedrehte
Vigilanz, die sein lebensgefährlicher Auftrag bedingt, schaltet seinen
Reiz-Perzeptions-Filter aus und lässt Informationen ins Bewusstsein dringen,
die anderweitig unterschwellig bleiben würden.
Das allerfeinste Rascheln,
zwanzig Meter von ihm entfernt, erzeugt von den winzigen Beinchen einer Maus,
erregt nun seine Aufmerksamkeit und lässt ihn lauschen und innehalten.
Experiment zur Körperwahrnehmung
Man kann mit jedem x-beliebigen Menschen ein kleines Experiment machen,
das aufzeigt, dass wir tatsächlich über so einen Filter im Zentralnervensystem
verfügen und dass man diesen Filter durch eine Konzentrationsübung außer Kraft
setzen kann:
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf einem Stuhl und werden
aufgefordert, sich auf Ihr Gesäß zu konzentrieren. Genauer gesagt auf die Hautregion
Ihrer Gesäßpartie, die durch ihre Unterwäsche und ihre Hose Kontakt mit der
Polsterung des Stuhles hat. Wenn Sie sich einige Zeit intensiv auf diese Stelle
konzentrieren, werden Sie sehr wahrscheinlich mit unangenehmen Empfindungen
konfrontiert: Plötzlich stellen Sie vielleicht fest, dass Ihre Unterwäsche nicht
sonderlich gut sitzt; dass sie eigentlich verrutscht ist und dass einer der
Gummiränder sich an einer unaussprechlichen Stelle befindet und Sie zwickt.
Außerdem kann es Ihnen so vorkommen, als ob Sie viel zu weit vorne sitzen würden
und der Stuhlrand Ihnen deshalb einen unangenehmen Druck im Oberschenkelbereich
beschert usw.
Wahrscheinlich stellen sich schon beim Lesen dieser Zeilen negative Empfindungen bei Ihnen ein!
Je länger Sie sich nun auf diese Sensationen konzentrieren, umso unangenehmer wird
Ihnen ihre Lage erscheinen und umso dringlicher werden Sie das Bedürfnis verspüren,
Ihre Sitzposition zu korrigieren.
Wenn man durch andere Tätigkeiten abgelenkt
wird und sich nicht darauf konzentriert, entgeht einem diese Unbequemlichkeit völlig,
weil unser Gehirn die eingehenden Reize von der Wahrnehmung ausschließt – da sie viel
zu unbedeutend sind.
So kann ein trainierter Ausdauerläufer, der es gewöhnt ist,
lange mit festem Schuhwerk zu laufen, einen Ermüdungsbruch des Fußes erleiden und
trotzdem bis zum Ende durchhalten – weil er die auftretenden Schmerzen als eine
lässliche Bagatelle empfindet. Ein Anderer könnte es mit derselben Malaise gerade
noch schaffen, humpelnd zwanzig Meter zurückzulegen.
Hypersensitivität und Hypochondrie
Die Hypochondrie ist nicht als einheitliche Form einer psychogenen Störung aufzufassen.
Was man als Hypothese aber formulieren könnte, wäre die Vermutung, dass Hypochonder über
einen ungenügend ausgebildeten neuronalen Filtermechanismus verfügen. Einen Mechanismus,
der sie nur mangelhaft von den Signalen abschirmt, die ihr eigener Körper aussendet.
Reizschwellenerniedrigung und Wahrnehmung unbewusster Körpersignale können als Markenzeichen
besonders sensibler Menschen gelten; sie können angeboren sein und auf einer spezifischen
Veranlagung zur Hypersensitivität beruhen – wie sie oft hochsensiblen Künstlern zu eigen ist
oder besonders kreativen und feinfühligen Individuen.
Meist kommt man aber nicht als
Sensibelchen zur Welt, sondern wird dazu gemacht. Elterliche Weltanschauung und
Erziehungsstile prägen nicht nur die Persönlichkeit eines Kindes bzw. eines späteren
Erwachsenen, sondern sie können auch Empfindsamkeiten festlegen, die langfristig zur
Absenkung neuronaler Reizschwellen führen und daher körperliche Sensationen zur Perzeption
kommen lassen, die bei anderen Individuen unterschwellig bleiben.
Wenn Eltern sehr,
sehr fürsorglich sind, und großen Wert darauf legen, dass ihre Sprösslinge auf körperliche
Signale besonders achten, um frühzeitig beginnende Erkrankungen zu erkennen oder um einer
ungesunden Lebensweise vorzubeugen, können sie das Nervensystem ihrer Kinder für Vorgänge
sensibilisieren, die sich innerhalb der Körpersphäre abspielen. So eine von Vorsicht und
Umsicht geprägte Erziehung vermittelt sehr leicht die Vorstellung, dass Gesundheit nicht
etwas Natürliches ist, das man umsonst bekommt, sondern dass Gesundheit etwas ist, um
das man sich zeitlebens bemühen muss – etwas, das erarbeitet werden muss. Internalisieren
Kinder diese Vorstellungen, sind sie als Erwachsene anfällig für neurotische Lebensweisen –
weil sie bei allen Gelegenheiten Gefahren für Leib und Leben wittern, auf die sie unbedingt
reagieren müssen…
Geraten solche Individuen einmal in seelische
Belastungssituationen und entwickeln irgendein belangloses psychosomatisches Symptom,
das nicht gleich wieder verschwindet, machen sich Ängste breit, die eine hypochondrische
Karriere wahrscheinlich machen. Diese Kranken verfallen dann in eine verstärkte
Selbstbeobachtung, weil sie sehnsüchtig darauf warten, dass die beängstigenden Körpersymptome
wieder verschwinden. Bei Fortdauer des bedrohlichen Zustandes verstärkt sich der aktivierte
Vigilanzmechanismus weiter und führt zu einer noch stärkeren Absenkung der Reizschwelle für
körperliche Empfindungen.
Die Folge: Normalerweise unterschwellig bleibende Stoffwechselvorgänge und andere Körpersignale können wahrgenommen werden und erreichen die Bewusstseinsebene, wo sie sie für unangenehme Gefühle sorgen. Klassische Hypochonder – wie oben schon erwähnt – stecken in einem Teufelskreislauf fest: Weil sie etwas verspüren, werden sie unruhig und ängstlich. Dies zwingt sie zu einer verschärften Selbstbeobachtung – um ja Nichts zu übersehen. Unglücklicherweise verspüren sie aber jetzt erst recht unangenehme Empfindungen an allen Ecken und Enden ihres Körpers – die sie natürlich sehr, sehr aufregen und ängstigen…