Larvierte Depression – Online-Beratung
Die larvierte Depression – Sonderform einer depressiven Störung
Eigentlich sollte man meinen, dass es einem Fachmann nicht besonders schwer fallen sollte,
eine depressive Person als solche zu diagnostizieren. Zu auffällig sind die äußeren
Veränderungen, die sogar ein Laie leicht erkennt. Depressive haben einen reduzierten Muskeltonus,
was die charakteristische Schlaffheit ihres Gesichtes bedingt; besonders die Partie um die Augen
herum scheint bei Traurigkeit und Schwermut verändert zu sein.
Diese Spannungsminderung
betrifft aber mehr oder weniger alle Antigravitätsmuskeln: Man hat den Eindruck, der Melancholiker
kann sich nicht einmal mehr gegen die Erdanziehungskraft behaupten – so danieder liegend
kommt er daher. Solche Zustände sind auch dem Nichtfachmann leicht erkennbar. Aber das gilt
nur für große und ausgeprägte Formen einer Depression. Leichtere Fälle sind schon viel schwerer
zu diagnostizieren, besonders wenn ungewöhnliche körperliche Symptome existieren, die im Fokus
der Aufmerksamkeit von Arzt und Patient stehen.
Für solche Depressionsformen prägte
man den medizinischen Terminus larvierte Depression oder auch maskierte Depression,
weil die depressive Störung sich hierbei hinter der Larve eines körperlichen Symptoms
versteckt.
Körperliche Manifestationen einer larvierten Depression trotzen
nicht selten allen somatischen Behandlungsversuchen und zwingen die Patienten zu einer
Odyssee von Arzt zu Arzt. Unangenehme und teils auch gefährliche Untersuchungen werden in
Kauf genommen, um endlich eine exakte Diagnose der rätselhaften Beschwerden zu bekommen –
ein Wunsch, der sich in der Regel nicht so leicht erfüllen lässt. Die hintergründige
depressive Verstimmung wird oft Jahre nicht erkannt; manchmal Jahrzehnte nicht. Ungeheure
Gelder gehen jährlich den Krankenkassen durch die unsinnigen Behandlungsversuche solcher
Beschwerden verloren.
Die körperlichen Symptome solcher larvierten Depressionen –
die depressiven Äquivalente – führen manchmal zum Hypochondertum; immer dann, wenn wegen der
rätselhaften therapierefraktären Symptome eine ängstliche Selbstbeobachtung einsetzt.
Larvierte Depressionen sind aber nicht von Haus auf hypochondrische Manifestationen, weil
bei diesem Patiententyp die ängstliche Selbstbeobachtung – beim Hypochonder obligatorisch –
nicht generell gegeben ist.
Schmerzen häufig bei larvierter Depression
Sehr häufig suchen Patienten wegen unerklärlicher körperlicher Missempfindungen
oder wegen Schmerzen die Praxen von Ärzten und Heilpraktikern auf. Über eine depressive
Verstimmtheit wird selten geklagt, weil das beunruhigende Schmerzgeschehen ganz im
Vordergrund steht. Neuere Erhebungen an Tausenden von Patienten, die abschließend als
depressiv eingestuft wurden, zeigten, dass fast siebzig Prozent von ihnen an Schmerzen
litten. Chronische Schmerzzustande sind sehr, sehr häufig die Folge von manifesten
Depressionen oder von larvierten Formen. Aber auch anders herum wird ein Schuh daraus:
Chronische Schmerzen – aus rein körperlicher Ursache – können zu einer Depression führen,
weil chronische Schmerzen für den Körper eine Stresssituation darstellen.
Schmerzen
und depressive Verstimmung passen demnach gut zusammen und bedingen sich teilweise
gegenseitig.
Neurobiologische Forschungen konnten diese Zusammenhänge sogar
an bestimmten Hirnregionen festmachen:
Seelische Schmerzen – Kummer und Leid –, z. B. durch Objektverluste, werden in
spezifischen Hirnarealen des präfrontalen Kortex verarbeitet, genau in den Arealen,
die auch aktiv werden, wenn der Mensch physischen Schmerzen ausgesetzt ist. Physischer
und seelischer Schmerz haben demnach dieselbe Repräsentationsebene im Gehirn. Patienten
mit einer depressiven Verstimmung, die zusätzlich noch unter chronischen organischen
Schmerzen leiden, sind nur dann gut zu therapieren, wenn es möglich ist, auch die
Schmerzsituation zu beherrschen.
Häufige Schmerzgebiete bei larvierten
Depressionen sind der Kopf und die Gegend der Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule.
Kreuzschmerzen sind sehr häufig das depressive Äquivalent einer belastenden
Lebenssituation. Auch rheumatische Schmerzen in den Gelenken können mit einer
versteckten Depression assoziiert sein; häufig sind es z. B. auch die
Schulter-Arm-Schmerzen, die Brachialgien.
Unter dem Deckmantel der
larvierten Depression treten manchmal Gefühlsstörungen auf, die sich auf
umschriebene Hautareale begrenzen und diese dann überempfindlich erscheinen
lassen oder – gegenteilig – gefühllos und taub. Diese Sensibilitätsstörungen
lassen einen Neurologen an Nervenentzündungen denken oder an ein Wurzelreizsyndrom.
Die Hautregion in der Umgebung des Brustbeines z. B. kann Empfindungen
hervorrufen, die einem physikalischen Druck ähneln, der auf diese Region einwirkt.
Oder handflächengroße Gebiete auf den Außenseiten der Oberschenkel, die das Gefühl
des Wundseins hervorrufen und äußerst sensibel auf die Berührung durch Kleidungsstücke
reagieren.
Schmerzhaft-unangenehme, kalte oder brennende Hautsensationen; Schmerzen durch
Neuralgien oder Myalgien usw. – all diese Erscheinungen können körperliche
Manifestationen einer larvierten Depression sein oder durch eine solche verstärkt
werden.
Unangenehm an dem Ganzen ist die Tatsache, dass die meisten dieser
Krankheitssymptome sich nur sehr schwer von den Schmerzzuständen abgrenzen lassen,
die eine organische Basis haben. So kann z. B. das schmerzhafte Schulter-Arm-Syndrom
eine Depression maskieren – andererseits aber auch durch eine Kompression des Armnervs
ausgelöst werden.
Viele der neurologischen Erscheinungen, die larvierte
Depressionen manchmal im Gefolge haben, können auch im Verlauf einer organischen
Erkrankung auftreten, wie z. B. beim Morbus Parkinson oder sogar durch Medikamente
ausgelöst werden. Eine sorgfältige diagnostische Abklärung muss stets erfolgen,
bevor man ein schmerzhaftes Syndrom oder ein neurologisches Symptombündel einer
larvierten Depression zuordnet.
Weitere Symptome larvierter Depressionen
Bei einer depressiven Episode kommt es durch Verschiebungen in der
Stoffwechselaktivität von Neurotransmittern – hauptsächlich von Serotonin
und Noradrenalin – zur Störung der Balance verschiedener Hirnareale untereinander.
Da im Zentralnervensystem alles mit allem zusammenhängt, kann daraus eine Fehlsteuerung
von Organen bzw. von Organsystemen resultieren, da diese der Feinregulierung durch das
vegetative Nervensystem unterworfen sind.
Weitere Symptome larvierter
Depressionen beinhalten deshalb alles, was der menschliche Körper zu bieten hat
(Liste nicht vollständig):
- Herzsymptome, mit Brennen und Druckgefühl, und funktioneller Störung im Schlagrhythmus; Blutdruck kann erhöht oder erniedrigt sein
- Kloßgefühl in der Halsgegend (Globus hystericus)
- Visuelle und auditive Störungen
- Störungen der Sexualfunktion: Wegfall von Libido und sexueller Appetenz
- Appetitmangel und Gewichtsverlust, ebenso wie Heißhungerattacken
- Atemstörungen, blockierte Atmung, Reifengefühl um die Brust; Auftreten verstärkter Anfälle bei Asthmatikern
- Schlafstörungen, zerhackter Schlaf, klassisches Morgentief mit Müdigkeit und dem Gefühl der Zerschlagenheit; Besserung am Nachmittag bzw. am Abend
- Beschwerden von Seiten des Urogenitaltraktes: Brennen beim Wasserlassen, schmerzhafter Harn- und Stuhldrang, funktionelle Beschwerden von Seiten der Prostata (Prostatopathie), Stotterblase, bei Frauen auch Fluor genitalis
- Oberbauchbeschwerden, Blähungen und kolikartige Leibbeschwerden, Magendruck bzw. Völlegefühl, Verstopfung
- Durch eine Verminderung der körpereigenen Immunabwehr: Anfälligkeit für Infektionen aller Art
- Und so weiter und so fort
Wichtig ist eine genaue diagnostische Abklärung der Symptome und erst wenn dadurch keine Befunde erhoben werden können, die auf eine organische Störung schließen lassen, ist das Vorhandensein einer larvierten Depression ins Kalkül zu ziehen und eine medikamentöse Behandlung einzuleiten. Bei leichteren Fällen kann mit Johanniskraut ein Versuch gemacht werden; sonst kommen die klassischen oder die modernen Antidepressiva zum Einsatz. Auch Psychotherapie ist wirksam, wenn dadurch eine veränderte Einstellung zu problematischen Lebenssituationen erreicht werden kann.