Die elterlichen Investitionen – evolutionäre Psychologie

Mütter lieben ihre Kinder mehr als Väter

Wie im letzten Kapitel dargelegt, erbringen bei den Tieren in aller Regel die Weibchen bei der Fortpflanzung die größeren Leistungen. Bei uns Menschen ist das nicht anders, obwohl die Männer in die Versorgung des Nachwuchses integriert sind und in Frau und Kinder investieren.

Frauen erbringen große Leistungen

Wenn man sich überlegt, was Frauen alles an Opfer für ihren Nachwuchs erbringen, wird einem klar, warum sie ihre Kinder „mehr“ lieben als die Väter.

Die Eizellen, die menschliche Weibchen zur Zeugung zur Verfügung stellen, stehen zwar nicht in einem so krassen Größenverhältnis zu den männlichen Samenzellen, wie das z. B. Vogeleier tun. Trotzdem ist ein Ei von ihr – biologisch gesehen – Tausend Mal mehr wert als die „dazugehörige“ Ladung Sperma von ihm. Grund: Frauen haben nur eine begrenzte Anzahl von Eiern in ihren Ovarien – was die weibliche Vermehrungsfähigkeit stark einschränkt und ihre Eier biologisch so kostbar macht.

Die größten Aufwendungen die Frauen für ihren Nachwuchs erbringen, fallen aber auf Schwangerschaft und Stillzeit: Gigantische Energiemengen pumpt der weibliche Organismus dabei durch die Nabelschnur in den Fötus, und später – nach der Geburt – in die Milchproduktion. Ein nicht unerhebliches Gesundheits- risiko, das Frauen durch eine Schwangerschaft immer auch auf sich nehmen, kommt zu dem Ganzen noch hinzu und vergrößert – statistisch – ihre Reproduktionskosten noch weiter.

Relativiert wird dieses Ungleichgewicht etwas durch die Unterstützung, die ein Mann seiner Frau zuteil werden lässt. Da er in sie und ihr Kind investiert, und in archaischen Zeiten auch investieren musste (sonst hätte das Kind nicht überleben können), kommt es auch bei ihm zu einer emotionalen Bindung an den Nachwuchs. Oder man dreht das Ganze herum und sagt: weil auch ein Mann emotionale Gefühle für sein Kind entwickelt, ist er bereit, einen Teil der Brutpflege zu übernehmen.

Liebe bindet Eltern an Nachwuchs

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Glückliche Familie…

Wenn der Körper einer Frau – neun Monate lang – riesige Investitionen an den Embryo tätigt, dann wäre es vollkommener Schwachsinn, wenn so eine Mutter, aus Unachtsamkeit oder Dummheit, ihr Kleinkind später einfach verhungern ließe. Hätten Frauen solche „Leichtsinns–Gene“, biologisch ist das nicht ganz undenkbar, hätten diese aber keine Chance sich auszubreiten, da „Leichtsinns–Gene“ – beim Leichtsinnig sein – sich immer leichtsinnig umbringen.

Erbanlagen aber, die die Kinderliebe der Eltern fördern, erhöhen immer auch die Überlebenschancen für den Nachwuchs. Solche Gene verbreiten sich deshalb rasch weiter und verstärken sich mehr und mehr. Die Liebe zu ihrem Kind stellt nämlich für eine Mutter die Motivation dar, all die Anstrengungen zu erfüllen, die nötig sind, so eine gewaltige Brutpflege- leistung zu erbringen. Diese Kinderliebe hat eine evolutionäre Basis und ist aus dem Selektionsdruck entstanden, die Kosten, die bei der Produk- tion eines Kindes anfallen, nicht vergeblich aufgewendet zu haben.

Da Väter in ihren Nachwuchs – zumindest in erster Zeit – nicht annähernd so viel investieren wie Mütter, verlieren sie auch nicht so viel wie diese, wenn ein Kind sterben würde. Da für sie – biologisch gesehen – nicht so viel auf dem Spiel steht, ist die Motivation zur Kinderfürsorge bei ihnen geringfügiger entwickelt als bei den Müttern.

Aber es existieren noch weitere Gründe, die es biologisch sinnvoll erscheinen lassen, dass Väter ihren Nachwuchs etwas weniger lieben als die Mütter. Der Amerikaner Robert Trivers – Evolutionsbiologe und Soziologe – verfasste Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eine brillante Arbeit über die Elterninvestition – seine Ideen sind die biologischen Grundlagen dieser Seite.

Väter wissen es nicht zu einhundert Prozent

Wenn eine Frau ihr Kind im Stich ließe und es dem Risiko aussetzen würde, dass es sterben könnte, dann weiß diese Frau oder auch ein Tierweibchen, dass sie 50 Prozent ihrer eigenen Gene damit einem Todesrisiko aussetzen würde. Frauen wissen das, weil sie wissen, dass ihr Kind ihr eigen Fleisch und Blut ist. Die Natur hat deshalb bei ihnen eine starke Motivation entwickelt, diese unglückliche Situation nicht eintreten zu lassen.

Ließ in evolutionärer Vergangenheit dagegen ein Mann Frau und Kind im Stich, machte er manches Mal etwas biologisch höchst Sinnvolles: Er vermied durch ein Verlassen der Beiden „Kosten“, die er zu zahlen hätte, wenn er weiter für sie sorgen würde. Er riskierte zwar den Tod des Kindes, aber wenn das Kind nicht seine eigenen Gene trug, weil es nicht sein eigenes Kind war, konnte ihm das „egal“ sein.
Männer bzw. Männchen haben meistens das Problem, das sie nicht zu einhundert Prozent sicher sein können, ob sie der Vater sind, für den sie sich halten. Wenn Tierweibchen verdeckt befruchtet werden, also in ihrem Körperinneren, ist die Ungewissheit stets der Begleiter eines gutgläubigen Männchens.

Hätte dieses Männchen aber ein Don–Juan–Gen, würde ihm auf jeden Fall erspart bleiben, in den Nachwuchs eines fremden Mannes zu investieren – weil dieses Gen ihn dazu bringen würde, immer seine Frau und ihr Kind zu verlassen. Natürlich würde unter dem Strich so ein Gen einen Mann mehr schaden als nutzen, weil das Don–Juan–Gen zum Aussterben verurteilt wäre und damit der Don Juan selber – weil alle seine Kinder ja verhungern würden. Und trotzdem berücksichtigt die Natur den Don–Juan–Effekt: Männer lieben ihre Kinder und sorgen für sie und ihre Frauen – aber ein bisschen weniger, als es auch der Fall sein könnte.

Die Evolution macht das immer so! Immer kalkuliert sie so knallhart – sie ist in diesen Dingen eine richtige Krämerseele!
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Übrigens: Es ist mir klar, sehr verehrte Leserinnen und Leser, dass diese Logik, die ich Ihnen hier nahe bringen möchte, manchen wahrscheinlich nicht so recht in den Kopf will. Zu unglaublich erscheint das Ganze – als dass es funktionieren könnte!

Wenn ich evolutionäre Gedankengänge formuliere, dann sind diese viel einfacher zu verstehen, wenn sie so formuliert werden, als ob die Natur bei der Evolution eine bestimmte Absicht verfolgen würde – aber natürlich tut sie dies nicht; um dieses Nicht–Zweckgerichtete zu kennzeichnen benutze ich manches Mal die „Gänsefüsschen“.

 

Wir Menschen sind sehr stark in unseren Denkmustern an logisch–kausalen Zusammenhängen orientiert, so dass uns Etwas begreifbarer wird, wenn wir dem Etwas einen Sinn zuschreiben können. Evolutive Prozesse sind aber immer ungerichtete Prozesse – weil die Evolution ohne jede Absicht agiert und ohne jeden Verstand. Das Sinnvolle, das ein Entwicklungsprozess zustande bringt, lässt sich nur im Nachhinein erkennen und nur in der Rückschau einem vermeintlichen Zweck zuordnen. In Wirklichkeit gibt es nämlich keinen – es sieht nur so aus!

Sie müssen sich immer vor Augen halten, dass sich eine Verhaltensweise auf genetischer Basis nur dann herausbilden kann, wenn dem Individuum dadurch ein Vorteil entsteht. Vorteil bedeutet, dass das Individuum eine verbesserte Überlebensfähigkeit besitzt oder mehr Nachkommen erzeugen kann. Die Gene für eine Verhaltensweise werden sich nur unter diesen Aspekten ausbreiten können. Oft ist es aber so, dass einem Vorteil, den eine Verhaltensweise auf einer Ebene hat, ein Nachteil auf einer anderen gegenübersteht – wie bei dem Dilemma der unsicheren Vaterschaft.

Wenn man weiter berücksichtigt, das biologische Entwicklungsprozesse Millionen Jahre Zeit haben sich herauszukristallisieren, ist es vielleicht leichter vorstellbar, dass so etwas möglich ist.

Die Ungewissheit der Vaterschaft reduziert die Brutpflegehandlungen fast aller Männchen im Tierreich; sie ist – wie gesagt – dafür verantwortlich, dass bei uns Menschen die Liebe der Väter zu ihren Kindern sich evolutionär nicht so stark entwickelt hat, wie die der Mütter.
Auf der nächsten Seite stelle ich ihnen noch zwei theoretische Überlegungen vor, die von ihren evolu- tionsbiologischen Konsequenzen her geeignet sind, die Zuneigung der Väter zu ihren Kindern etwas geringer zuhalten.