Vaginismus – Die Online-Sexualberatung

Schmerzen beim Sex haben oft mit einer Verkrampfung zu tun

Große Probleme

Große Probleme…

Anne, eine hübsche junge Frau, 27 Jahre alt, wünscht sich nur eines sehnlichst: sie möchte endlich ein Kind. Einen Mann dazu hat sie bereits – seit einem dreiviertel Jahr sind die beiden verheiratet. Gesund ist sie ebenfalls – wenn nur diese unerträglichen Schmerzen beim Sex nicht wären, die es ihr unmöglich machen, einen normalen Geschlechtsverkehr auszuführen.

Ärzte hatten ihr schon eine künstliche Befruchtung vorgeschlagen – um diese Problematik zu umgehen. Das wollte sie aber nicht: Zum einen, weil ihr schon der Gedanke an das Einführen einer Besamungskanüle den Angstschweiß auf die Stirne treibt und zum anderen:„ Weil ein Kind bei der Geburt ja auch aus meinem Bauch heraus muss und sich dabei nichts verklemmen darf“. Mit anderen Worten: Sie wollte das mit den Schmerzen beim Sex unbedingt loshaben – um ihr Wunschkind auf natürlichem Wege zeugen zu können.

Vaginismus ist eine Verkrampfung

Hinter Annes Schmerzen beim Sex steckt ein Scheidenkrampf, ein Vaginismus, wie die korrekte medizinische Bezeichnung lautet. Beim Vaginismus kommt es zu einer unwillkürlichen Anspannung der ringförmigen Scheidenmuskulatur im vorderen Bereich der Vagina. Diese Spannungszustände können in unterschiedlichen Schweregraden auftreten: In extremsten Fällen ist z.B. eine gynäkologische Untersu- chung nur unter Narkose möglich.

Schwere Formen von Vaginismus lassen das Einführen eines Fingers oder eines Tampons nicht zu. Bei weniger schwereren Ausprägungen können Finger und Tampon gerade noch eingeführt werden – aber Geschlechtsverkehr ist nicht möglich. In leichten Fällen von Vaginismus ist Geschlechtsverkehr mit Behin- derung manchmal möglich. Die Schmerzen beim Sex kommen durch die starke Reibung und den Druck zustande, den der Penis verursacht, weil der Vaginaleingang so stark verengt ist. Da die Penetration immer mit starker Angst einhergeht, die die Lustgefühle ausschaltet, kommt auch keine ausreichende Lubrikation zu Stande – was das Übel noch vergrößert.

Muskelanspannungen schützen vor Verletzung

Wenn eine Person mit einem spitzen Gegenstand eine andere Person attackiert, z.B. im Brustbereich, kommt es zu einer unwillkürlichen Anspannung und Verkrampfung der Intercostalmuskulatur – um einen Messerstich nicht in den Brustkorb eindringen zu lassen. Die Anspannung zieht dabei die Rippen so stark aneinander, dass das Messer oft keine Lücke findet und abgleitet oder sogar abbricht.

Der Vaginismus ist ein Schutzreflex aus der Urzeit

Diese reflexhaften Abwehrreaktionen der Muskulatur können überall im Körper auftreten, wo sich Muskeln befinden – also praktisch an allen Stellen. Anspannung der Muskulatur bei Gefahr, Bedrohung und Angst ist keine typisch menschliche Reaktionsweise – sondern auch im Tierreich weit verbreitet.

Stellen Sie sich eine Katze vor, die auf einem Zaunpfahl sitzt und unten tobt bellend ein Hund herum: Sie wird einen Katzenbuckel machen und sich dabei anspannen bis in die Schwanzspitze. Die Verhärtung der Muskulatur soll dabei eine Verletzung verhindern – so gut es geht. Diese Schutzreflexe waren schon bei unseren tierischen Vorläufermodellen angelegt und sind viele Millionen Jahre alt.

Der vaginale Scheidenkrampf soll aber nicht nur vor Verletzung schützen, sondern auch vor einer Schwangerschaft bei einem Vergewaltigungsversuch. Maximal kontrahiert dürfte der Scheidenmuskel die Vagina verschließen wie ein Korken die Weinflasche. Dies ist der biologische Sinn, der hinter einem Vaginismus steckt.

Der Vaginismus als neurotische Reaktion

Der Vaginismus ist ein besonders schönes Beispiel dafür, dass körperliche Abwehrmechanismen sich einschalten können, obwohl der eigentliche Anlass – hier Verletzung bzw. Vergewaltigung – nicht gege- ben ist. Der Ausdruck Vaginismus wird deshalb auch hauptsächlich für diese unerwünschte und nicht angepasste Reaktionsweise verwendet. Der Vaginismus ist die neurotische Variante der Scheidenmus- kelanspannung.

Körperliche Anpassungsreaktionen sollten sich eigentlich immer nur dann aktivieren, wenn die entsprech- ende Situation eintritt, für die die Schutzfunktion „erfunden” wurde. Aber die Deutungshoheit, was eine gefährliche Situation ist und was nicht, hat unser Gehirn bzw. unser Unterbewusstsein.

Kinder reagieren im Allgemeinen sehr heftig auf Schmerzzustände aller Art – das ist bei ihnen normal. Bis zum frühen Erwachsenenalter hat sich diese Empfindsamkeit in der Regel deutlich verringert und normalisiert. Bei besonders empfindsamen und empfindlichen Mädchen, möglicherweise begünstigt durch eine überängstliche Mutter, kann im Teenager Alter noch eine übermäßige Angst vor allen möglichen Schmerzen gegeben sein.

Der erste Geschlechtsverkehr und der erwartete Deflorationsschmerz können dann heftige Ängste auslösen, die stark genug sind, einen Vaginismus zu aktivieren. In der Art einer selbsterfüllenden Prophezeiung ist dann das Ereignis tatsächlich so schlimm verlaufen wie in der Vorstellung. Die Angst vor dem nächsten Mal ist vorprogrammiert und damit auch die körperliche Reaktion. Der Geschlechtsverkehr ist so stark Angst besetzt, dass jedes Mal der Vaginismus auslöst wird. Diese Angst vor dem Eindringen kann sich ausweiten auf alles, was in die Vagina eingeführt werden soll; auf Zäpfchen, Tampons, den Finger usw. Selbst die bloße Vorstellung davon kann schon einen Vaginismus auslösen.

Die Angst vor dem Sex muss verschwinden

Es ist klar, dass der Vaginismus erst dann verschwindet, wenn die panikartigen Angstzustände ver- schwinden, die der Geschlechtsverkehr jedes Mal auslöst. Eine Sexualberatung kann Möglichkeiten eröffnen, auf das neurotische System Einfluss zu nehmen.

Anne und ihr Mann Helmut finden sich daraufhin in der Praxis eines Sexualberaters ein, der ihnen detailliert die Mechanismen erklärt, die diesen unerfreulichen Gegebenheiten zugrunde liegen. Er macht den beiden klar, dass eine Reihe von Übungen zu absolvieren ist, die Anne die Angst vor dem Ge- schlechtsverkehr nehmen sollen. Diese Übungen decken sich anfänglich mit den Übungen, die man auch Männern verordnet, die unter Impotenz oder vorzeitigen Samenerguss leiden, weil es in allen Fällen um Sexualängste geht, die überwunden werden müssen.
Helmut wird darauf hingewiesen, dass er bei diesen Übungen eine wichtige Funktion erfüllt, weil Anne ihre Ängste vor dem Sex auch unbewusst an seiner Person fest macht.

Vorübung zur Vaginismus-Dekonditionierung

Streicheln 1 bei Vaginismus

Diese Streichelübungen werden zwei Mal pro Woche durchgeführt und dauern etwa eine halbe Stunde. Beiden wird erklärt, dass es für eine längere Zeit nicht um Sex und Geschlechtsverkehr geht. Die Streichelübungen haben den Zweck, dass Anne wieder lernt körperliche Berührungen ungeteilt zu genießen, da in der Vergangenheit Körperliches auch immer assoziiert war mit negativen Gedanken und Gefühlen.
Die Übungen beinhalten Streicheln, Berührungen und Massagen überall – außer an den erogenen Zonen. Diese Problembereiche werden bei den ersten Sitzungen komplett ausgespart. Das Streicheln erfolgt im Wechsel – einmal er fünf Minuten und dann wieder sie. Es werden insgesamt vier Streichelübungen 1 ausgeführt.

Streicheln 2 bei Vaginismus

Die Streichelübungen 2 laufen so ab, wie die der ersten Serie, nur dass die Geschlechtsteile diesmal in die Berührungen mit einbezogen werden. Wichtig dabei ist, diesen Körperteilen dabei keine besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Helmut wird angewiesen Annes Brüste und ihre Genitalgegend wie beiläufig zu streicheln und zu berühren. Es soll keine sexuelle Erregung ausgelöst werden. Das Übungsziel liegt auf Entspannung und auf gute körperliche Empfindungen. Insgesamt 3 bis 4 Übungen.

Erkundendes Streicheln bei Vaginismus

Beim erkundenden Streicheln geht es darum, nach vorher absolviertem Ganzkörperstreicheln, den Geschlechtsteilen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Ziel ist noch immer keine sexuelle Erregung, sondern angenehme Empfindungen an den Genitalien. Helmut soll leicht und erkundend Anne dort streicheln, wo es ihr gefällt und auf eine Art, die ihr angenehm ist. Stellt sich sexuelle Erregung ein, soll woanders weiter gestreichelt werden, bis die Erregung abgeklungen ist. Wichtig ist, dass sich Anne gut dabei fühlt und sich nicht verkrampft – was nicht passieren wird, wenn Helmut die Anweisungen genau befolgt.
Natürlich ist auch Anne wieder gefordert, ihren Helmut zu streicheln; das ist ganz wichtig – es darf bei der ganzen Sache nicht nur um sie und ihrem Vaginismus gehen. Übungsanzahl 3 bis 4.

Stimulierendes Streicheln bei Vaginismus

Das stimulierende Streicheln dieser Übungssitzung zielt auf das Spiel mit der Erregung ab. Nach dem Einstieg mit dem Ganzkörperstreicheln werden die Genitalien oral oder manuell gereizt um sexuelle Erregung auszulösen. Dann wird unterbrochen, um die Erregung wieder abklingen zu lassen. Wichtig dabei ist, dass Anne sexuelle Erregung zulassen und genießen kann, die Helmut auslöst, ohne Angst und Gedanken an Geschlechtsverkehr und Vaginismus.
Diese Spiel wird zwei oder drei Mal wiederholt. Zum Abschluss dieser Übung können sich beide zum Orgasmus bringen – wie sie es möchten – natürlich ohne Geschlechtsverkehr.

Spezielle Intervention bei Vaginismus

Die Vorübungen waren gedacht, Anne wieder unbefangener Sexualität erleben zu lassen. Die vielen Körperübungen haben ihre Ängste vor sexuellen Handlungen und Berührungen abgebaut – aber natürlich nicht vor der Penetration. Jetzt kommt ein gutes Stück Arbeit und Überwindung auf Anne zu – die Sache mit den Hegar Stäben. Anne muss sich ganz langsam daran gewöhnen, in ihre Vagina etwas hinein zu stecken – die Hegar Stäbe.

Die Sache mit dem Stäben

Hegar Stäbe sind aus Stahl, innen hohl und in ihrer Form der Scheide angepasst. Sie können leicht desinfiziert und erwärmt werden. Es kommen Stäbe mit den Durchmessern 10, 13, 18, 21 und 26 mm zum Einsatz. Die Stäbe können über Firmen mit Ärztebedarf bezogen werden.

In der Sexualberatung wird Anne darauf hingewiesen, dass die Stäbe nicht die Aufgabe haben ihre Vagina auszudehnen – das ist gar nicht nötig und dazu wären sie auch viel zu dünn. Die Stäbe haben den Sinn, dass sich Annes Vagina allmählich daran gewöhnt, dass etwas in sie eingeführt wird und darin für eine gewisse Zeit verbleiben kann – ganz ohne Verkrampfung.

Der Sexualberater überlässt es ihrer Entscheidung ob sie selber die Stäbe einführt – alleine oder in Anwesenheit von Helmut oder ob Helmut das Einführen übernehmen soll. Anne entscheidet, dass sie es ist, die einführt; ihr Helmut als moralische Unterstützung aber anwesend sein soll.

Desensibilisierung beim Vaginismus

Sehr häufig stellt sich beim Einführen oder schon vorher ein panikartiges Gefühl ein, das an- und abschwillt und oft – in unterschiedlicher Stärke – die gesamte Prozedur begleitet. Das ist völlig normal, unvermeidlich und sogar wünschenswert: Die Ängste sollten bzw. müssen mobilisiert werden, um dem Unterbewusstsein zu zeigen, dass es einem Irrtum aufgesessen ist – weil trotz dem Stab in der Scheide ja nichts Schlimmes passiert. Der Berater weist Anne schon im Vorfeld auf diese Gefühle hin – damit sie sich innerlich darauf einstellen kann.

Es wird mit dem dünnsten der Stäbe (10mm) begonnen. Vor dem Einführen wird der Stab leicht angewärmt und mit Gleitgel bestrichen. Der Stab wird vorsichtig eingeführt. Stellt sich Widerstand ein, soll der Stab dort belassen werden, wo er ist. Anne soll sich darauf konzentrieren zu entspannen und dann langsam weiter einführen; Zentimeter um Zentimeter – bis der Stab ungefähr 10cm weit eingeführt ist.
Er sollte dann 10 Minuten in der Vagina verbleiben. Sollten sehr starke Ängste auftreten, kann der Stab auch früher wieder herausgezogen werden.

Kann der Stab das erste Mal nur mit der Spitze eingeführt werden – auch okay. Wichtig ist, dass der Stab dann so liegen bleibt und die Frau sich zu entspannen versucht. Der Mann sollte dabei ihre Hand halten und ihr gut zureden. Es kann ja wirklich nichts passieren und vom Logischen weiß die Frau das auch – aber der andere, der unlogische Teil in ihrem Kopf, muss es halt auch noch kapieren!

Wenn der dünnste Stab – trotz kleinerer Schwierigkeiten und Panikattacken – seine Aufgabe erfüllt hat, kommt beim nächsten Mal der stärkere an die Reihe. Wichtig ist, dass vor der Übung mit dem größeren, der kleinere nochmals kurz eingeführt wird. Sozusagen als Rückversicherung, dass es geht. Auf diese Weise werden nacheinander alle Größen eingeführt. Natürlich nicht alle an einem Tag Smilie !

Zwischenzeitlich sollte das Paar wieder stimulierendes Streicheln einsetzen.

Der Penis

Im Anschluss an die Übung mit den Stäben bereitet die Einführung des Penis erfahrungsgemäß noch einmal Probleme. Der Penis ist normalerweise dicker als der dickste Stab und die Frau hat deshalb bedenken – ob der rein geht.
Die Vorbehalte sind natürlich unbegründet, auch deswegen, weil ein Penis anpassungsfähiger und elastischer ist als der starre Metallstab. Gelingt wiederholt das Einführen des Penis nicht und treten starke Ängste auf, sollte die Frau mit einem Kunstpenis weiterüben, der deutlich dicker ist als der dickste der Stäbe.

Abschließendes

Die Methode mit den Stäben ist auch für eine allein stehende Frau geeignet, das Problem Vaginismus anzugehen.

Vom klassischen Vaginismus, der mit Scheidenverkrampfung und Angst einhergeht, ist die so genannte Koitusphobie zu unterscheiden. Hierbei dominieren irrationale Ängste vor dem Geschlechtsverkehr – ohne Vaginismus. Diese Problematik ist auf eine tiefer gehende Störung zurückzuführen und bedarf häufig einer Psychotherapie. Die Angst-Dekonditionierung vor dem Geschlechtsverkehr erfolgt aber mit denselben Übungen wie beim Vaginismus.

Zum Schluss sei noch angemerkt, dass die Beschreibung zur Angst-Dekonditionierung bei Vaginismus natürlich sehr allgemein gehalten ist. Im Einzelfall wird sicher die eine oder andere individuelle Anpassung nötig sein, um Erfolg zu haben. Dies wäre dann aber das Thema bei einer speziellen Beratung. Ich stehe Ihnen dazu jederzeit zur Verfügung!