Genverwandtschaft u. Fürsorge – evolutionäre Psychologie

Der Verwandtschaftsgrad ist wichtig für die Kinderfürsorge

Kinderleid...

Kinderleid…

„Das Geräusch seiner Schritte nach Möglichkeit dämpfend, schlich er sich näher und unterschied nun ganz deutlich die Stimme seiner Frau. Nur noch wenige Bewegungen, und die meisten ihrer Worte wurden ihm verständlich…“

„Du erbärmlicher Grünschnabel, scholl es im schnellsten Tempo herunter, meinst du, ich sollte mein leibliches Kind wegen solch einem Jammerlappen, wie du es bist, verhungern lassen? – Halts Maul! schrie es, als ein leises Wimmern hörbar wurde, oder du sollst eine Portion kriegen, an der du acht Tage zu fressen hast…“

„Einige Augenblicke blieb es still; dann hörte man ein Geräusch, wie wenn Kleidungsstücke ausgeklopft würden; unmittelbar darauf entlud sich ein neues Hagelwetter von Schimpfworten…“

Diese drei Zitate stammen aus der Novelle „Bahnwärter Thiel“ von Gerhart Hauptmann; die Prosa erschien 1887 als ein Frühwerk des Meisters.

Der schrullige Bahnwärter Thiel hat nach dem Tode seiner Frau wieder geheiratet. Sein Sohn Tobias hat bei der Stiefmutter kein gutes Leben. Nachdem sie selber ein Kind bekommen hat, verschlechtert sich die Situation des armen Jungen dramatisch. Der Bahnwärter – sexuell abhängig – von den „groben Trieben“ dieser Frau, ist nicht in der Lage, sein Kind vor deren Übergriffen zu schützen. Aus mangelndem Verantwortungsbewusstsein ihrerseits wird der Bub vom Zug überfahren; genau dort, wo der Vater die Strecke beaufsichtigt. In einem Anfall verzweifelter Raserei tötet Thiel seine Frau und den Zweitgebo- renen; danach verfällt er dem Wahnsinn.

Die Mär von der bösen Stiefmutter

Aschenputtel

Im Märchenwald…

Dass Kinder unter einer Stiefmutter leiden können ist eine Volksweisheit. Wenn jemand einen Menschen oder ein Tier stiefmütterlich behandelt, versteht man darunter, dass diese Person sich ungenügend um die Bedürfnisse eines ihr anvertrauten Menschen oder Tieres kümmert. Die Mär von der bösen Stiefmutter taucht in diversen Märchen und Erzählungen auf; Stiefmütter sind dort der Inbegriff von Gemeinheit und Boshaftigkeit. Es ist immer dasselbe: Die leiblichen Kinder werden bevorzugt – den angeheirateten wird das Leben schwer gemacht.
Im Märchen Aschenputtel der Gebrüder Grimm nimmt das ganze Drama am Schluss noch eine glückliche Wendung: Der Vater des Mädchens heiratet eine Witwe mit zwei eigenen Töchtern. Nach kurzer Zeit beginnt das hinterhältige Weibertrio ihr Mobbing gegen Aschenputtel. Durch eine glückliche Fügung steigt Aschenputtel aber auf und erstrahlt im höchsten Glanze – wie Phönix aus der Asche.

Evolution ist „schuld“

Wie auf der vorherigen Seite schon angesprochen sind Individuen – unter einem evolutionären Blickwinkel gesehen – egoistisch. Wenn sie sich für andere Lebewesen engagieren, dann immer nur aus Eigennutz. Das klingt vielleicht hart und zynisch – ist aber eine biologische Binsenweisheit! Zum Glück erschließt sich einem diese egoistische Kälte nur in den komplexen mathematischen Gleichungen der Evolutionsbiologen, die mit ihren Berechnungen aufzeigen können, ob Gene, die ein bestimmtes Verhalten favorisieren, die Chance haben werden, sich im Genpool einer Population ausbreiten zu können.

Im täglichen Leben bleiben uns Gott Lob diese evolutionären Einsichten verborgen, denn hinter der warmherzigen Liebe, die eine junge Mutter ihrem Säugling entgegen bringt, sind nur für logisch und wissenschaftlich denkende Köpfe „egoistische Motive“ erkennbar.

Brutpflegende Elterntiere gibt es vereinfacht ausgedrückt nur aus einem einzigen Grund: Ein Brutpfle- ge–Gen kann nur durch brutpflegende Eltern weiter verbreitet werden. Dass das Brutpflege–Gen den übrigen Genen im Körper – den Kameraden – auch sehr nützlich ist, ist zunächst einmal von untergeord- neter Bedeutung.

Alle Lebewesen auf Erden sind die Schöpfungen ihrer Gene. Gene bastelten sich im Laufe der Evolution verschiedene Körper – ausgerichtet nach ihren „Bedürfnissen“ und nach immer raffinierteren Bauplänen. Die „Absicht“ der Gene dabei ist länger und besser zu leben, um damit die Chancen auf Fortpflanzung zu erhöhen. Wir sind in unserem Dasein für sie nur relativ belanglose Durchgangsstationen, auf ihrem Weg zu einem ewigen Leben. (R. Dawkins, 1978 )

50% der Gene einer Mutter existieren auch in ihrem Kind. Diesen 50 % möchte sie – nach evolutionärem Denken – das Überleben sichern. Es ist klar, dass es nicht Sinn ihrer biologischen Natur sein kann, die Gene einer fremden Frau in einem Stiefkind zu unterstützen. Das egoistische Gen, von Richard Dawkins eher als Metapher gebraucht, ist in diesem Fall im wahrsten Sinne des Wortes am Werke.

Tod durch Stiefeltern

Martin Daly and Margo Wilson

Martin Daly and Margo Wilson

Das Forscherpaar Margo Wilson und Martin Daly (das Foto ist auf dieser Seite veröffentlicht!) von der kanadischen McMaster University, widmete sich in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts intensiv der Thematik Stiefelternschaft. Diese ehrgeizigen Evolutionspsychologen machten sich eine riesige Arbeit: Sie werteten die Daten von Kriminal- statistiken aus, die Kindstötungen betrafen. Wilson und Daly wollten prüfen, ob evolutionäre Überlegungen zutreffen, die Stiefkindern eine schlechtere Existenz vorhersagen als leiblichen. Dazu überprüften sie Zehntausende von Daten, die Kindstötungen betrafen.

Zur damaligen Zeit wurden in Kanada jährlich etwa 650 Kinder getötet, bezogen auf eine Gesamtzahl von einer Million. Beim Vergleich von toten leiblichen Kindern mit toten Stiefkindern ergab sich ein Faktor von siebzig zu ungunsten der Stiefkinder, d.h. dass für Stiefkinder ein siebzig Mal größeres Risiko besteht, von Erwachsenen getötet zu werden. Das Alter spielt bei diesen Tötungsdelikten eine große Rolle: Je kleiner die Kinder sind, umso größer ist ihr Risiko. Kinder unter drei Jahren sind am gefährdesten; für diese Kleinen ergaben andere empirische Untersuchungen ein einhundertfaches Risiko, einen gewaltsamen Tod durch einen Stiefelternteil zu erleiden.

Diese leidvollen Ergebnisse wurden überall auf der Welt bestätigt; auch in Kulturen, die von zivilisatori- schen Einflüssen bisher verschont geblieben sind. Die Ureinwohner Paraguays – die Ache –, die als Wild- beuter leben, töten über 40% ihrer Stiefkinder vor der Pubertät. Von den Yanomami–Indianern Amazoniens ist bekannt, dass manche Männer vor einer Verheiratung verlangen, dass nicht von ihnen abstammende Kinder getötet werden sollen.

Auch für Großbritannien gibt es Datenmaterial. In England und Wales untersuchte man die Zahlen misshandelter Kinder und stellte wiederum einen eklatanten Unterschied fest: Über 30% der Geschädigten waren Stiefkinder und nur in 3% der Fälle traf es Kinder, die bei ihren leiblichen Eltern lebten.

In Skandinavien ist für ein Mädchen in der Pubertät das Risiko vom Stiefvater vergewaltigt zu werden, 40–mal so hoch wie für ein leibliches Kind.

Diese empirischen Daten belegen eindrucksvoll, dass stärkste emotionale Bindungen und größter Einsatz für die „Brutpflege“ beim Homo sapiens nur dann zu erwarten sind, wenn es sich um leibliche Kinder handelt. Frauen haben deshalb – in archaischer Vergangenheit –, evolutionär psychologische Mecha- nismen entwickelt, um Männern die Urangst zu nehmen, nicht der Erzeuger des Kindes zu sein, das an ihrer Seite heranwächst