Der Mensch und die Jagd – evolutionäre Psychologie

Die Jagd hatte große Bedeutung für unsere Urahnen

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Waidmanns Heil…

Die Jagd nach großem und kleinem Getier scheint eine der besonderen Leidenschaften des Menschen zu sein. Männer gehen ihr überall auf der Welt mit begeisterter Hingabe nach. Im europäischen Raum hat die Jagd, anders als bei den Stämmen der Eingeborenen, keine Bedeutung mehr für die Fleischbeschaffung. Trotzdem investieren Männer – aber auch manche Frauen – bereitwillig große Summen in Jagdausrüstung, Reviere und Abschußgebühren. Solche Indizien lassen erkennen, dass uns Menschen die Jagd und das Erbeuten von Wildtieren im Blute liegt. Diese Passion ist eng mit dem Belohnungssystem im Gehirn verknüpft, so wie bei den Jägern im Tierreich auch.

Die Primaten, unsere affige Verwandtschaft, sind zwar auch scharf auf tierisches Eiweiß, aber das Fleischliche macht auf ihrem Speiseplan nur einen sehr kleinen Anteil aus.
Pflanzen– und Fleischfresser sind leicht an der Länge ihres Darmes zu unterscheiden: Um seine karge Grünkost aufzuschlüsseln hat ein Feldhase ellenlanges Gedärm im Bauch – während unsere Hauskatze das Verdauen ihres Dosenfutters mit einem viel kürzeren Stück Darm bewältigen kann.

Unser allernächster Verwandter im Tierreich – der Schimpanse – hat einen mächtigen Dickdarm, aber praktisch keinen Dünndarm. Ganz im Gegensatz zum Menschen: Bei uns dominiert ein filigraner Dünndarm, der, eingerahmt von einem klobigen Dickdarm, das Zentrum der Verdauung ist. Wir Menschen sind „Fleischfresser“ – unser Darm weist darauf hin.
Die friedlichen Herbivoren waren wir in unserer evolutionären Vergangenheit immer nur dann gewesen, wenn unsere Urahnen, abends, nach einem Jagdtag, mit traurigen Gesichtern und leeren Händen, enttäuscht in ihre Camps geschlichen sind.

Jagd wichtig für den Menschen

Primitive Lebensformen, wie z. B. Bakterien, stellen alle biochemischen Verbindungen die sie benötigen, wie z. B. Vitamine, selber her; d.h. sie sind autark von deren Vorkommnissen in den Nährlösungen. Je vielseitiger sich höhere Lebewesen aber ernähren, desto fauler wird ihre körpereigene Fabrikation: Spurenstoffe – wichtige Substanzen für den Stoffwechsel – werden bei vielen Organismen dann nicht mehr umständlich in Eigenregie fabriziert, sondern einfach mit der Nahrung aufgenommen; das ist bequem, einfach und kostet nichts. Der Preis dieser Faulheit ist die Abhängigkeit der Organismen von einer Ernährung, die diese Stoffe unbedingt enthalten muss.

Das Vitamin B 12 ist bei uns Menschen so ein Fall: Wir können das Cyanocobalmin nicht selber produzieren – die Fähigkeit dazu haben wir vor einigen Millionen Jahren verloren. Das hat uns Menschen nicht sonderlich hart getroffen, weil wir über die Ernährung mit tierischem Eiweiß genug Vitamin B 12 abbekommen. Aber – wir müssen uns mit Fleisch ernähren –, stärker als alle anderen Primaten. Mit dem Vitamin A ist es genauso: Es ist für die Augen und für den Sehvorgang wichtig und wir müssen es mit der Nahrung aufnehmen – mit fleischlicher Nahrung.

Diese Tatsachen weisen darauf hin, dass wir Menschen, über Jahrmillionen gesehen, immer mehr zum Jäger und Fleischfresser geworden sind.

Jagd hat große Bedeutung für die Familie

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Steinzeitlicher Jäger…

Die große Bedeutung die die Jagd hat und hatte, kann man damit erklären, dass vor ungefähr vier Millionen Jahre der Mann als Versorger für Mutter und Kind immer wichtiger wurde. Es bildete sich über Tausende von Generationen die typisch menschliche Familienstruktur heraus.
Stillende Frauen brachten ihre Kinder nur dann sicher und gut über die ersten drei Jahre, wenn das starke Geschlecht ihnen beistand – was Schutz und Versorgung anbetraf. Fleisch mit seinem hohen Energiegehalt scheint die einzige Alternative gewesen zu sein, die Ernährung der Familien sicherzustellen. Außerdem hatte es den großen Vorteil, dass es in Portionen aufgeteilt, leicht über große Strecken transportiert werden konnte.

Mammut mit Jungem

…und steinzeitliche Beute

Da Männer große Trümmer kalorienreichen Fleisches benötigten, waren sie gezwungen sich zu verbünden, um als Jagdgesell- schaft zusammenarbeiten zu können. Bei der Jagd auf Großwild war es wichtig – wie im Krieg – sicher und fest zusammenzuste- hen. Nur gemeinsam konnten unsere Urahnen so ein schwieri- ges und gefährliches Unterfangen erfolgreich abschließen.

Man muss sich einmal vor Augen führen was es geheißen hat – in der Steinzeit –, nur mit einem Speer bewaffnet, auf die Jagd nach Mammuts zu gehen. Eigentlich unglaublich! Jeder hatte sich dabei blindlings auf den Anderen verlassen müssen – sonst gab es Tote und Verletzte. Mit Fug und Recht kann man wahrschein- lich behaupten, dass die gemeinsame Jagd auf Großtiere einen sehr starken Zusammenhalt der Gruppen gefördert hat.

Fleisch fördert Geben und Nehmen

Diese starke soziale Interaktion war aber mit dem Abschluss einer erfolgreichen Jagd nicht beendet. Hatte z. B. ein Einzelner eine mittelgroße Beute erjagt, konnte er das Fleisch alleine kaum zur Gänze nutzen. Da es keine Kühlschränke gab, war es schon verdorben bevor er es vollständig verzehrt hatte. Wenn er engeren Freunden im frischen Zustand etwas davon abgab, machte er etwas sehr Geschicktes: Er deponierte Fleisch im Körper seines Kumpels; mit der Option, diese Portion zurückzubekommen, wenn diesem beim nächste Mal das Jagdglück hold sein sollte. Diese Notwendigkeiten bildeten die Basis auf der dann später auch andere Tauschgeschäfte abgewickelt werden konnten

Jagd verstärkt Geschlechterrollen

Männer waren schon immer viel größer und stärker als Frauen – auch bei den Primaten schon –, bei ihnen ganz besonders. Dieser Geschlechtsdimorphismus wurde bei der Hominisation – der Menschwerdung – zwar etwas eingeebnet, erhielt sich aber weiterhin, weil die Männer in den vormenschlichen Clans Aufgaben übernahmen, die starke Kerls erforderten: das Kriegführen und die Jagd. In keiner Kultur gab es je Frauen die dieses blutige Geschäft betrieben, weil Männer eben dafür die Geeigneteren waren und weil Frauen mit der Versorgung ihrer Kinder schon genug am Hut hatten.

Die typische Aufteilung: Hier die Frau, als Hüterin von Heim und Herd, und dort der Mann, als Kämpfer und Jäger, nahm aus diesen Gründen ihren Anfang. Frauen gingen zum Sammeln von Grünzeug und zum Suchen nach kleinen toten und lebenden Tieren in die Pampa, während ihre Männer, großräumig – nach Wild Ausschau haltend – die weiten Ebenen durchstreiften. Am Abend warfen sie dann das Gesammelte und das Erbeutete zusammen und brauten sich ihr Mahl. Diese Arbeitsteilung erzwang eine etwas unterschiedliche Gehirnentwicklung bei den Geschlechtern.

Jagd und Status

Fragt man einen passionierten Waidmann im einundzwanzigsten Jahrhundert, was er in letzter Zeit so alles erlegt hat, bekommt er glänzende Augen, wenn er schwärmerisch über seine kapitalen Böcke fabuliert. Das Jägerlatein, das nicht selten im Überschwang der Gefühle Einzug hält, lässt die Riesen- trümmer noch riesiger erscheinen.

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Welch eine Trophäe…

Betuchte Zeitgenossen, die sich den Luxus erlauben können, zieht es zur Jagd in den schwarzen Kontinent, wo die wirklichen Riesen darauf warten umgenietet zu werden. Irrsinns Summen werden locker gemacht um kapitale Büffel und Elefanten zu erlegen – ohne jegliche fleischliche Nutzung davon zu haben.

Eine gewaltige Trophäe zu erbeuten ist die Hauptmotivation dabei. Vor einem Lkw großen Elefantenbullen abgelichtet zu werden – der im Staub der Savanne zusam- mengesunken ist – beschert Gefühle, die anscheinend unbeschreiblich sind. Dieser aberwitzige Kult, der sich um die Jagd herum gruppiert, ist nicht auf unsere Kultur beschränkt, obwohl er natürlich bei uns seine perversesten Blüten treibt. Am Lagerfeuer – abends – nach vollbrachter Tat, sind die Stories über die Größe des Wildes und die Größe des Jägers, auch in den so genannten primitiven Kulturen ohne Ende.

Felsmalereien in Höhlen – Zehntausende an Jahren alt – geben Zeugnis davon, dass steinzeitliche Jäger nicht anders gefühlt haben als die, die heutzutage dem Wilde nachstellen. Jagderfolg und jägerisches Geschick haben schon zu allen Zeiten den Ruhm eines Mannes begründet und das Ansehen, das er unter seinen Leuten genoss.

Primaten organisieren sich in hierarchischen Strukturen, nach einer Rangordnung, die den Stärksten und Geschicktesten die Polposition beschert. Dieses Streben nach Macht und Ansehen ist in der menschlichen Gemeinschaft weit verbreitet und liefert die Energie, alles Mögliche anzupacken. Ob es nun techno- logische Neuerungen sind oder bahnbrechende wissenschaftliche Forschungen, die Triebfeder des Gan- zen ist der Drang nach Bewunderung und Größe. Die Großwildjagd – der Kampf Mann gegen übermächtige Beute – in der Frühgeschichte der Menschheit, ist eine Facette davon.