Probleme der Vaterschaft – evolutionäre Psychologie

Stiefkinder kommen schlechter weg

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So ein Schwein…

Auf der vorherigen Seite habe ich mit etwas Zahlenmaterial eindrucksvoll untermauern können, dass Stiefkinder im Vergleich zu leiblichen Kindern ein signifikant höheres Risiko haben getötet zu werden.

Mit diesem Datenmaterial und den evolutionspsychologischen Erklärungen dazu, will ich natürlich nicht diejenigen Eltern vor den Kopf stoßen, die Stiefkinder großziehen und sich dabei vorbildlich verhalten. Natürlich können auch genetisch fremde Kinder bei ihren Stiefeltern starke emotionale Reaktio- nen auslösen – das ist gar keine Frage!

Die Tatsache ist nur die, und darauf wollte ich hinaus, dass ihnen das etwas schwerer fällt als den leiblichen Eltern. Auf diese Tatsache will ich jetzt noch etwas vertiefter eingehen:

In großen Studien im Süden der Vereinigten Staaten und in Südafrika, in Kapstadt, untersuchten evolutionäre Psychologen, ob es Unterschiede gibt, in der Höhe der finanziellen Zuwendungen, die leibliche Kinder und Stiefkinder von ihren Vätern erhalten.

Die zu erwarteten Ergebnisse bestätigten sich klar: Die finanziellen Investitionen, die Männer an ihre Sprösslinge tätigten, waren eklatant höher, wenn es sich um leibliche Kinder handelte. Männer gaben für Stiefkinder weniger Geld aus für die Ausbildung, für das Taschengeld und für die Kleidung. Immaterielle Aufwendungen, wie gemeinsame Zeit verbringen oder bei den Schularbeiten helfen, waren auch einseitig zu Ungunsten der Stiefkinder verteilt.

Streitigkeiten und Auseinandersetzungen dagegen waren mit den Stiefkindern signifikant häufiger als mit den eigenen, was dazu führte, dass diese in der Regel viel früher das ungastliche Heim verließen als die leiblichen – um sich auf eigene Füße zu stellen. Ähnliche Erhebungen machte man mit Männern, die unsicher waren über den Status ihrer Vaterschaft. Auch bei dieser Vätergruppe wurden weniger Investi- tionen in die Kinder getätigt.

Wissen um Vaterschaft ist wichtig

Frauen wissen vermutlich seit Millionen von Jahren um die Probleme und Sorgen der Männer, wenn es um das Thema Vaterschaft geht. Es konnten sich in archaischen Zeiten große Probleme für eine Frau ergeben, wenn ihr Lebensgefährte diesbezüglich keine allzu große Sicherheit hatte.

Die Lebensgemeinschaften damals hielten sehr wahrscheinlich nur drei, vier Jahre, dann ging man wieder auseinander. Der Zeitrahmen für die damaligen Beziehungen war ziemlich genau auf die sensible Säuglingszeit eines Kindes zugeschnitten. Nur in dieser Zeit war es für eine Frau existentiell, einen Mann an ihrer Seite zu haben. Da Frauen in der Regel verschiedene Kinder von mehreren Männern hatten, war es für sie wichtig, dass ein neuer Partner auch mit seinen Stiefkindern klar kam. Es war für eine Frau von großem Vorteil, wenn er auch für diese etwas Verantwortung mit übernommen hat.

Evolutionspsychologische Studien haben gezeigt, dass Männer – im Stadium der Verliebtheit – in nichtleib- liche Kinder investieren. Haben sie aber erst einmal durch eine Heirat Sicherheit und Kontrolle über die Frau erreicht oder durch eine gemeinsame Wohnung, nehmen die Investitionen in die Stiefkinder wieder ab. Man kann deshalb diese Investitionen als Werbungskosten betrachten, die eine begehrenswerte Frau und Mutter kooperationsbereiter machen sollen. Dieses männliche Verhalten hatten die Urzeitdamen sicher im Kopf und daher war es so wichtig für sie, dass er sich wenigstens mit dem Letztgeborenen – seinem eigenen – stark identifizierte.

Frauen streichen seine Vaterschaft heraus

Wie gesagt, Frauen sind sich immer zu einhundert Prozent sicher, dass sie die Mutter ihres Kindes sind. Väter wissen das nicht so sicher. Biologisch gedacht ist es aber für einen Mann wichtig zu wissen, ob er der Erzeuger ist oder nicht – weil Investitionen in ein fremdes Kind für ihn „nutzlose“ Investitionen wären. Männer sind deshalb sehr auf Treue bei ihren Partnerinnen bedacht und reagieren stark mit Eifersucht, wenn sie Zweifel daran hegen. Ist ein Kind einmal auf der Welt, können Männer die Gewissheit ihrer Vaterschaft besser einschätzen, wenn es ihnen sehr stark ähnelt.

Evolutionspsychologen hegten die Vorstellung, Frauen könnten Verhaltensweisen entwickelt haben, die Männer in dem Glauben bestärken sollen, der leibliche Vater ihres Kindes zu sein. Eine Frau, die geschickt genug darin gewesen ist, einen Mann seine Zweifel auszureden, war natürlich derjenigen überlegen, die sich dümmer dabei stellte. Ein Gen, das diese Verhaltensweisen bei Frauen unterstützt, hatte gute Chancen besessen, sich im Genpool der menschlichen Population anzureichern.

Das Forscherpaar Martin Daly und Margo Wilson machte empirische Erhebungen um nachzuprüfen, ob Frauen tatsächlich solche Motivationen umtreiben. An und für sich sollte ein Neugeborenes Ähnlichkeiten mit Vater und Mutter haben; und natürlich tut es das.

Interessant ist der Umstand, dass Mütter ganz erpicht darauf sind, Ähnlichkeiten mit dem Vater herauszustreichen, während eigene Ähnlichkeiten signifikant seltener hervorgehoben werden. Auch die Verwandtschaft einer Kindsmutter stößt ins gleiche Horn: Alle machen sie große Anstrengungen, den frischgebackenen Papa darauf hinzuweisen, dass sein Sprössling ihm geradewegs aus dem Gesicht geschnitten ist. Hier sind evolutionär psychologische Mechanismen am Werke, um den Vater zu motivieren, pflichtbewusst seine Rolle anzunehmen.